Donnerstag, 3. Dezember 2015

Repair a bike in 10 weeks - my Experience with the Service of Bikester.ch

I bought a new bike at bikester in April. Got lured by a good bikes with low prices, but forgot to think that this often correlates with terrible service quality.

The bike was shipped about a week later than advertised, but it was a good bike (apart from the fact that the front brakes had not been mounted, so I had to go to a bike store to do that. After losing about 10 days after the delivery of the bike until everything was finally mounted (bikester at least paid the 30 CHF for mounting the brakes), I could finally use it. 

Soon, the chain first rubbed against the gearwheel. I went to the bike store once to fix it. After a long tour, it started to jump up and down when in the second gear. Went to the store to fixe it again. After that fix, it worked ok again for a week or so, then it started rubbing against the gearwheel again. Again to the store. Again, worked for some days, then things got even worse. Chain fell to the inside several times. Chain started jumping up and down no matter which gear I was in. 

- Wrote to Bikester about it. Had them send me a cardboard to pack the bike into and ship it in to repair it-

- Tried to send the bike back for repairs in July. No reply for over a week even though I sent several additional mails stressing it is urgent. Too late to send it in July, so had to wait until September after my vacation.

- After several mails, finally managed to get a pick up date to sent it in on September 24th.

- On NOV 2nd (!), the first reaction: They lost the defect description that I had added twice and sent per email so they asked me to send the description again (even though anyone would have noticed that the chain jumps up and down all the time...)

- On Nov 5th, Bikester claims I destroyed the chain cassette and have to pay for it.

- After some back and forth, on Nov 13th I give in and commit to pay it because I just want my bike back.

- On Nov 26th, I send another mail asking for the status as I still don't have my bike back and with every day, more of my contacts learn about the service quality of Bikester

- On Nov 30th, Bikester answers saying the bike is now repaired and will be sent to me soon

- On Dec 3rd, after 10 weeks (!) in repair, I get the bike back...

And that's only the end of the story. I spare you all the stuff that happened between April and July...

BIKESTER: NEVER AGAIN!

Mittwoch, 23. September 2015

1.000 Dollar am Tag für einen Tag im Donbass - Sanktionen und Ukraine-Krieg im Alltag

In Russland gelten ja seit einiger Zeit Sanktionen der USA, der Europäischen Union und anderen Staaten wegen der russischen Besetzung und Annexion der Krim und der militärischen Einmischung in der Ost-Ukraine. Im Westen lautet die herrschende Meinung, dass dort auch russische Soldaten am Werk sind, dass Russland die vom Westen "Separatisten" genannten ostukrainischen Soldaten mit Waffen und Waren versorgt und dass die dortigen Regierungen wenig mehr als Kreml-Marionetten sind. In Russland bestreiten viele Leute das jedoch. Manche glauben auch zum Beispiel nicht, dass russische Soldaten in der Ukraine sind und beharren darauf, dass sich dort lediglich ein "Bürgerkrieg" vollziehe.

Ich möchte mit dem Artikel hier nicht über den Ukrainekonflikt urteilen oder irgendeine Seite rechtfertigen. Mir geht es hier nur darum, die Meinungen der Leute zu dem Thema einzufangen. Das Urteil kann sich der Leser dann selbst bilden.

Der Ukrainekrieg spaltet Familien und Freundschaften
Der Krieg ist ein sehr emotionales Thema, daher habe ich darüber zugegebenermaßen nicht oft gesprochen (manche Russen drängen einem politisch-historische Themen aber geradezu missionarisch auf, wenn sie merken, dass man aus dem Westen kommt).

Ich spreche darüber auch nicht gern, weil ich letztes wie dieses Jahr (auch während meiner Reise) einige Freunde verloren habe nach heftigen Streiterein wegen des Krieges. Die Meinungen lagen letztlich so weit auseinander, dass es nicht mehr möglich war, diese Freundschaften aufrechtzuerhalten. Irgendwann entlud sich die Diskussion meist in einer Ladung von unterschwelligen oder direkten Beleidigungen und Geringschätzungen.

Einigen mir bekannten Ukrainern und Russen erging es ähnlich, und von der entzweiten Ehe auf der Krim habe ich ja neulich geschrieben. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie viele Freundschaften und Familien dieser Krieg zerstört hat.
Bald sind Wahlen zu den Präsidenten und Gouverneure der Bundesstaaten, Wahlplakate wie hier in Irkutsk zeugen davon.
Nicht alle Russen glauben nur an einen "Bürgerkrieg"
Nun muss man natürlich differenzieren: Bei weitem nicht alle Russen glauben an einen "reinen inner-ukrainischen Bürgerkrieg". Ich habe selbst weitab vom Kriegsgeschehen im Fernen Osten Leute getroffen, die der Meinung waren, dass Russland sich dort auch mit eigenen Soldaten einmische. Eine Person meinte, sie wüsste das, da sie Freunde in der Ostukraine habe und mit ihnen in Kontakt stünde. Die Einmischung russischer Truppen geschehe der Meinung der meisten zufolge zwar nicht aus imperialistischen russischen Motiven, sondern aus dem Grund, dass man nun einmal die dortigen "Russen" vor dem ukrainischen "Faschismus"/Militär/etc. schützen müsse.

Es überraschte mich etwas, dass es überhaupt jemand allen Ernstes noch die offizielle Version glaubte, dass in der Ostukraine maximal russische Freiwillige kämpften. Hat doch sogar der Moskauer Igor Strelkow, ehemals Verteidigungsminister der "Donezker Volksrepublik" und Führer der separatistischen Truppen, selbst zugegeben, mit Truppen über die Grenze gezogen zu sein, um dort zu eskalieren. Zitat: "Den Krieg habe doch ich ausgelöst. Wenn unser Trupp nicht über die Grenze gegangen wäre, hätte das alles so geendet, wie in Odessa oder Charkiw. Es hätte ein paar Tote, Verbrannte, Verhaftete gegeben. Und das wäre es gewesen. Die jetzige Größenordnung hat der Krieg dank uns erreicht."

Warum sterben in letzter Zeit so viele russische Soldaten?
Eine andere Russin sagte, es gäbe in letzter Zeit immer häufiger auch im Fernen Osten Soldatenbegräbnisse (welche versteckt werden vor der Öffentlichkeit), aber niemand dürfe sagen, wie und wo diese Soldaten gestorben seien. Dieselbe Person bedauerte, dass lenta.ru, eine Website, auf der man sich habe recht neutral informieren können, mittlerweile von der russischen Regierung gleichgeschaltet worden sei, nachdem man die Chefredakteurin "entfernt" und durch einen Kreml-treuen Mann ersetzt hatte. Lenta.ru hatte ein Interview mit einem rechtsradikalen ukrainischen Nationalisten veröffentlicht. Die staatliche russische Medienregulierungsbehörde ging daher wegen "Veröffentlichung von extremistischem Material" gegen die Website vor. Die Person empfiehlt nun, stopfake.org zu lesen, wo gefälschte Nachrichten über die Ukraine aufgedeckt würden. (Ich empfehle zur Propagandamaschinerie diesen Artikel, in dem ehemalige Mitarbeiter des russischen Staatsfernsehens zu Wort kommen).

"Er ist ein Patriot. Deshalb will er das glauben."
Interessanterweise war der Partner dieser Russin ein flammender Vertreter der "In der Ukraine gibt es keine russischen Soldaten"-Theorie. Als ich die Person fragte, warum ihr Partner denn so auf seiner Meinung beharre, meinte sie: "Weil er ein Patriot ist. Er will einfach glauben, dass das wahr ist."

"Wir haben schon genug Land, wir brauchen nicht noch mehr."
Andere Personen verwiesen mich darauf, dass die angebliche Einmischung der russischen Soldaten ein Märchen der westlichen Medien und natürlich der USA sei, und dass Russland ja schon so groß sei, dass es absurd sei, zu denken, dass man noch mehr Land brauche: "Wir brauchen nicht noch mehr Land, wir haben mehr als genug davon", so ein 28-jähriger Bergsteiger.
Allerorten beliebt: UdSSR-Nostalgie
"Undankbare Polen"
Derselbe Mann war übrigens auch der Meinung, Tschechien, Polen und die anderen früher sozialistischen mittel- und osteuropäischen Länder seien "undankbar", denn wie er "von seinem kürzlich verstorbenen Großvater" wisse, seien Ende der 40er und in den 50ern in Sibirien so viele Menschen den Hungertod gestorben, weil man aus Solidarität mit den sozialistischen Bruderländern so viele Lebensmittel nach Polen & Co. geschickt habe, dass die eigene Bevölkerung kaum noch etwas zu essen hatte.

Generell, und das meinte nicht nur dieser recht patriotische junge Bergsteiger, sind in den Augen vieler Russen die USA verantwortlich für viele russische Probleme. "Die USA führen noch immer Krieg gegen Russland." Daher müsse Russland sich schützen. Auch der Krieg in der Ukraine sei allein von den USA provoziert worden. Doch jetzt habe man wieder eine sehr starke Armee und könne sich wieder verteidigen. Das koste aber natürlich viel Geld, das dann leider nicht immer für die ganze Bevölkerung da sei.

"Die USA macht Krieg und dann Russland verantwortlich dafür"
Eine belesene Touristenführerin in den 40ern aus dem Altai-Gebirge lud mich zum Tee in ihr improvisiertes Büro ein, das in einer Sauna eingerichtet werden musste, da sie ihr eigentliches Büro für Gäste freimachen musste. Sie und ihre Freundin schauten grad einen Krimi auf ihrem Laptop. Als ich fragte, was das für ein Krimi sei, begann sie zu schwärmen, das sei eine Krimiserie aus den 80ern, in der Geheimagenten der UdSSR versuchten, die miesen Tricks der Agenten aus den USA zu verhinden, und dass die sowjetischen Fernsehserien ja so schön seien.

Gut, denke ich, wenn ihr diese sowjetromantische Fiktion gefällt, ist ja kein Problem. Dann fährt sie fort: "Und was mir besonders gefällt, ist, dass die Situation von damals identisch ist mit heute: Die Russen wollen etwas Gutes tun, ein Verbrechen aufklären, einen Putsch verhindern. Doch dann setzen sich die Amis durch, weil sie einfach mehr Geld haben, und lassen die ganze Welt denken, Russland sei der Böse. Genau das ist doch jetzt wieder in der Ukraine passiert!"

Im Donbass für Russland kämpfen: 1.000 Dollar am Tag und Erlass der Gefängnisstrafe
Zurück zur angeblichen Mär der russischen Soldaten im Donbass (Ostukraine). Die russische Bekannte, deren Mann im Gefängnis sitzt, berichtete mir, dass man ihrem Mann vor ein paar Monaten angeboten hätte, im Donbass für Russland als Soldat zu kämpfen. Er bekäme dann die verbliebenen zwei Jahre seiner Gefängnisstrafe (Totschlag) erlassen und 1.000 Dollar Sold pro Tag. Sie habe sich entschieden dagegen ausgesprochen, daher habe er es letztlich gelassen. Viele andere in diesem Knast nähmen das Angebot aber an.
Leute warten im palastartigen, blitzsauberen Bahnhof von Nowosibirsk (hat nichts mit dem Thema zu tun...)
Im Donbass lässt sich gut verdienen
Auch sonst ließe sich im Donbass gut verdienen. Ein anderer Bekannter von der Krim hat Familie im Donbass, u.a. einen Onkel, der dort kämpft und eine Schwester, die als Krankenschwester dort arbeitet. Sie sei sogar freiwillig dorthin zurückgegangen. Die Schwester meine: "Wer nicht gerade stinkfaul ist, verdient hier sehr gut" - solange er auf der Seite der Separatisten sei. Das glaubt auch eine Bekannte aus Kiew, die meinte, die Kiewer mit Verwandten auf Seiten der Separatisten hätten auf einmal recht viel Geld und würden sich in Kiew Luxuswohnungen kaufen.

"Es war ein historischer Fehler, die Krim der Ukraine zu geben"
Wann immer die Krim ins Gespräch kommt, bekräftigen viele sofort reflexartig, dass das ja Russland sei und immer war. Als ich sage, dass die Krim vor kurzem ja noch der Ukraine gehörte, antwortet der 28-Jährige, das sei ein "großer historischer Fehler" gewesen. Von den wenigen Kontakten, die ich auf der Krim habe, sind übrigens zwei gegen die Annexion und deren Folgen und eine Person dafür.

"Wir haben nur genommen, was unser ist"
Eine 27-jährige studierte Journalistin aus Wladiwostok meinte auf die Frage, ob es denn generell okay sei, einfach eine Region zu besetzen und sie an sich zu reißen: "Wir haben uns lediglich genommen, was "unser" (nasche) ist." Von "nasche" abgeleitet ist übrigens das Wort "Krymnasch" (ugf. "Unsere Krim"): "Krymnaschy" werden spöttisch die übereifrigen russischen Nationalisten genannt, die genau zu wissen scheinen, was "ihres" ist und was anderen gehört.

Belarus, Ukraine, Russland - "gleiches 'Blut', gleiches Schicksal"
In Deutschland kennt man ja den Germanenkult, also die Idealisierung eines fiktiven Urzustandes, als alles noch gut, "rein" und friedlich gewesen sein soll. Die soeben genannte 27-jährige Journalistin (ihren Beruf hat sie derweil an den Nagel gehängt, alle Medien, in Ost wie West, würden eh nur lügen, und sie meide daher jegliche Medien) erzählte übrigens immer voller Begeisterung vom Kiewer Rus, der Wiege des modernen Russlands, und auch sie liebt die sowjetischen Filme über diese "gute, alte Zeit".

Idealisierung einer angeblichen Vergangenheit ist das eine. Schlimmer wird es, wenn man daraus Schlüsse für die Gegenwart ableitet: "Belarus, Ukraine und Russland - wir haben alle dasselbe Blut. Ich werde alles dafür tun, dass wir irgendwann wieder einmal zusammen sein können", meinte die Dame. "Blut und Boden 2.0", denke ich. Na dann wird's Zeit, dass Deutschland sich wieder die ganzen "germanischen" Völker mit dem "gleichen Blut" einverleibt, oder gleich "unsere" alten deutschen Gebiete, wo "wir" vertrieben wurden. Vielleicht zuerst die "Germanen" der Niederlande, oder vielleicht die Nordschweiz, oder vielleicht doch gleich Königsberg?

Wahlplakat in Jewpatorija (Krim) 2012 der russlandfreundlichen kommunistischen Partei, die kürzlich in der Ukraine verboten wurde: "Ukraine und Russland - dieselben Wurzeln... dieselbe Geschichte... derselbe Ruhm! Geben wir das Land den Leuten zurück!"
"Wer nicht zu Russland gehören will, ist ein 'Nationalist'"
Als ich einer Bekannten von der Krim das erzähle, kommentiert sie: "Manche Russen verstehen nicht, wie es sein kann, dass jemand nicht Teil von diesem riesigen, großartigen, starken Russland sein möchte. Wenn die Ukraine Teil von Russland sein möchte, dann schreien die Russen "Hurra", aber wenn die Ukrainer das nicht wollen, dann sind sie für die Russen 'Nationalisten'." Dass der größte Nationalismus der pan-russische Imperialismus sei, übersähen sie dabei gerne. "Die Krim-Bewohner freuen sich mehrheitlich tatsächlich, dass sie nun Teil Russlands seien, aber eigentlich empfänden die meisten das eher wie eine Rückkehr in die gute, alte Sowjetunion, die sie so vermisst haben. Doch diese Sowjetunion gibt es nicht mehr."

Groll gegen die Bevorzugung der Krim-Bewohner
Damit es den Krimbewohnern und Ostukrainern in Russland auch gleich gut gefällt, bekommen sie angeblich allerlei finanzielle Vorteile und Subventionen (von denen enorm viele in der Korruption versickern). Diese Subventionen und Vorteile finden manche Russen ungerechtfertigt.

Ein Taxifahrer im Altaigebirge behauptet zum Beispiel, wenn Ostukrainer hierherzögen, bekämen sie eine Arbeit und noch dazu Geld - einfach so (ob das stimmt, weiß ich nicht). Eine Frau in Nowosibirsk beschwerte sich darüber, dass nun wegen der Wirtschaftskrise eine Art Kindergeld nicht mehr bis zum 3. Lebensjahr gezahlt würde, sondern nur noch bis zum 18. Monat, und der Betrag sei im Vergleich zu früher läppisch. Manche Mütter dränge das in die Prostitution. Auf der Krim gäbe es aber noch den alten Betrag oder zumindest einen höheren Betrag pro Kind (auch das habe ich nicht überprüft, es geht mir hier wie gesagt nur darum, Meinungen der Leute zu sammeln). Daher würde sie am liebsten einfach schon deshalb auf die Krim ziehen.
Kriegsdenkmal in Simferopol (Krim)
"Kein französischer Käse mehr wegen der Sanktionen"
Eine offene Putin-Gegnerin und deren Freunde, die ich in [Stadt gestrichen, um Person zu schützen] kennengelernt habe, äußerten sich zum Krieg nicht, aber sie störten die Sanktionen. Sie liebten französischen Käse, den gäbe es nun nicht mehr, und der russische schmecke nach nichts und sei wie ein Stück Gummi. Die ganze Gruppe schien gar aus Putin-Gegnern zu bestehen.

Eine andere Frau aus Moskau bedauerte, dass Esprit dort nun geschlossen habe, dort habe sie sich immer gute Kleidung gekauft.

"Wir brauchen keine Importe, wir können alles selbst herstellen."
Dem oben genannten 28-jährigen Bergsteiger waren die Sanktionen völlig egal, er verstehe nicht, was es denn Sinnvolles aus dem Westen zu kaufen gäbe, Russland könne problemlos alles selbst herstellen, was es brauche, mit Ausnahme vielleicht von Handys und so Zeug, aber das käme ja eh aus Asien.

Ein einsamer, kleiner See in den Ausläufern des Altaigebirges
Investment-Fonds, die in Russland und Ukraine investierten, werden abgewickelt
Eine andere Frau Anfang 40 zeigte mir die andere Seite der Sanktionen und des Kriegs: Sie, geborene Russin, ist vor fünf Jahren zu ihrem englischen Mann nach London ausgewandert. Sie verwaltet dort zwei große Investment-Fonds, die noch vor dem Konflikt mehrere Hundert Millionen Euro in Russland und ironischerweise auch in der Ukraine investiert hatten.

Diese Fonds würden nun natürlich deutlich unterperformen und daher bald abgewickelt, neue Investitionen sind derzeit nicht geplant. Denn wegen der angespannten politischen Lage und der Ungewissheit wegen der Sanktionen und des Kriegs wolle aus Europa kaum mehr jemand in dieser Region investieren.

Generell bleibt mir aber der Eindruck, dass die Sanktionen selbst keine größeren Schmerzen im russischen Alltag hervorrufen.

Nicht die Sanktionen schmerzen, sondern der Rubelkurs
Eine Sache aber hat sich stark geändert: Der Rubelkurs ist selbst im Vergleich zum taumelnden Euro massiv abgestürzt, der niedrige Ölpreis war hierfür aber wohl genauso verantwortlich wie der Krieg, der wohl zum Teil auch durch Inflation finanziert wird. Dadurch sind Importwaren sehr teuer geworden, Reisen ins Ausland ebenso. Darunter leidet übrigens auch die Türkei, eines der Lieblingsurlaubsländer der Russen. So zahlt die Türkei russischen Touristen diesen Sommer sogar unter bestimmten Bedingungen den Rückflug.

"Die Preise für Baumaterialien steigen jeden Monat"
So hat auch meine Bekannte auf der Krim mit den stetig steigenden Preisen für Importgüter zu kämpfen: "Ich bin gerade dabei, die Wohnung auszubauen und muss dafür immer wieder Baumaterialien kaufen (Fenster etc.). Die guten Baumaterialien sind größtenteils Importgüter. Dabei muss ich mich sehr beeilen mit dem Kaufen, denn jeden Monat steigen die Preise. Man kann die Investition überhaupt nicht richtig planen, und sparen sowieso nicht."

Dienstag, 8. September 2015

My Russian Top and Flop 10

My almost thirty days in Eastern Russia are over. While going from Vladivostok to Khabarovsk to Sakhalin to Irkutsk to Baikal and finally to the gorgeous Altai mountains, I got to know a lot of people and saw quite some places. Here are the Top / Flop 10 of my Russian experience.
Let's start with the Flops and end with the Tops, so the good things stay in our memory. :)

Flop 10: 


1. "Patriots", more concretely:

  • People try to "teach" you about history and politics (most often when they are drunk), particularly about Stalin and about the current war in Ukraine (which, in the eyes of some, is only a "civil war").
     
  • Too many Soviet legacies live on and are being reinforced by the massive new and old nationalist/Soviet monuments in every city as well as the gigantic "victory" celebrations (the longer the war is past, the more enormous the celebrations seem to become). The Soviet Union is being idealized and missed as if it had been a paradise (I don't know if it was worse than today, but it probably was not a paradise). New legacies are created by today's political agenda, and not much is done so that people can acquire a more balanced view.
     
  • The West certainly needs to review its stance on Russia, but some people (a bit like very conservative Americans) boast opinions that just frighten me. Apart from the common "the USA is causing most of our problems", my two favorites were:

    1. "We Russians in Siberia starved in the late 40s and 50s because we gave all our food to the now ungrateful Poles and Czechs." (a 28-year-old man)

    2. "Russia, Ukraine, and Belarus share the same blood, so they have to have a common future. And I will do everything possible to help that we will be together again." (a 27-year old woman who even studied journalism!).
     
  • Of course, by far not all people were like that, I also met open-minded ones (usually the higher their educational level, the more balanced and less "patriotic" their views). But here as anywhere, it is patriotism that shuts peoples' ears and eyes, and the line between patriotism and blind nationalism is very thin (if there is any at all).
A young lady wearing a T-Shirt of the patriotic Obsherossiyskaya Molodyozhy (Pan-Russian Union of Youth) with Putin on it

2. Trash.
People start to become more conscious (at least it was a topic with most people I met and I saw more signs and posters urging people not to leave their trash in the forest, park or wherever), but still, being a tourist and nature-lover, trash is the number two annoying thing for me in Russia. Even in natural parks like Olkhon island on Lake Baikal, you see way too much trash lying around where it shouldn't.
Trash near a forest on Olkhon Island, Baikal
3. Baikal on fire
I have never been so close to a natural disaster (read more here), and the fact that it happened around one of nature's pristine refutes was just horrifying - the fact that the smoke-filled air dirtied my lungs and clouded my vision was the smaller problem.

Around Lake Baikal, it looked like a dense fog, but it was smoke from gigantic forest fires.
--
The rest is really just to fill up the top 10 and didn't really bother me: :)
--

4. Standing in lines forever (read more here) and then feeling bad when people look at you pissed because you committed the sin of not having "meynshykh" (small change).

5. The cacophonia that are the entrances of Russian train stations (and some airports, too). 
First, you often need to open a rather narrow door, and many times, the door opens in your direction, so you first need to drop your luggage. After squeezing through with your big luggage, you get to a control point where you are screened by one of these x-ray machines that you know from airport checkins. Next to the machine, one or more people are sitting around, dressed in uniform, with pistol and stick. But they don't care. Everybody just goes through these x-ray screeners, the screeners constantly lighten up and beep whenever someone is passing through. No reaction from the guards. These x-ray machines seem to just be there to do what exactly? Frighten people? Hold up queues?

One of the entrances of the large train station of Irkutsk. 
Everyone is being x-rayed, but noone cares about the constant beeps and red lights.
6. Russian udareniya (emphases). 
Even more than in German, the meaning of a word can change depending on which syllable you emphasize (simple example: stóit (costs) or stoít (stands). Moreover, unemphasized "o" are pronounced as "a", so hearing a word, you never know what is o and what is a which makes learning to write much harder than Polish or Spanish). Like in German, you may be understood or not just because your emphasis is on the wrong syllables. And like in German, you sound very weird and hard to follow if you constantly emphasize wrongly. Apart from some very simple rules (like that ё is always emphasized), there are none according to my Crimean teacher - she says the udareniya are "kak popalo" (random). Comparing this to French, Polish, Catalan or Spanish, where emphases are so easy and logical, this is a nightmare and something a foreigner can hardly ever conquer.

7. You can go time-travelling in sometimes really, really old buses that look like taken from the scrapyard (but somehow, they amazingly still work!)
An old bus on Sakhalin island
Another grandpa bus in baby-blue in Khabarovsk
8. The fact that Sakhalin island could live large on its oil and gas resources, but the money seems to be invested more in gigantic representative, patriotic buildings while most places outside of the capital Yuzhno-Sakhalinsk still look as if the Soviet Union had not ended yet.

Another huge patriotic memorial is being built next to an also-new church in Yuzhno-Sakhalinsk

Sign in Yuzhno-Sakhalinsk warning of the legal consequences of taking bribes. The governor of the island was recently jailed because of corruption.
A small, dilapidated town (Ozyorsk) on Sakhalin island
9. The worst roads of any country that I have ever been in (maybe save Malta) and again the enlightenment of how much cars can actually take. You need a healthy back to survive a longer bus ride.

10. Lentechki (bands) on trees in beautiful places that supposedly fulfill wishes, but really only look ugly and dirty after some rainfalls, hurt the trees, create even more trash in nature and make beautiful natural places look less beautiful.

My Top 10:


1. Russian people. I experienced most of them as very warm-hearted, welcoming, hospitable, helpful and selfless. You are often quickly invited into their circle of friends, and when they get more comfortable, they even tell you very private things you'd need years to hear from a Swiss or German. I will forever remember the days and evenings I spent with people I had just got to know on the same day.

And I will be forever grateful to the man who, on my last day when my taxi didn't come, just spontaneously took me to the airport. That is very typical for Russia, and unthinkable in a cold-hearted, formal place like Zurich or any German city.

Most Russians are authentic. They say what they think, and that can hurt and make you feel uncomfortable if you are not used to it (example: vendors in a shop looking and talking with at you as if you were a thief, not a client - because they just have a dull job, a bad salary, and thus a bad mood). But if a Russian smiles, he means it. If he is nice to you, it is because he really wants to, not because he thinks he should.

A Russian friend who lived in Germany for many years before returning to Russia in disillusion put it like this:

"In Germany, I learned to smile, but I unlearned to laugh."

Word!

2.  Altai mountains - simply amazingly beautiful, I have never seen a place like this before.

A crystal-clear pond with a moving, turquoise-blackish crater somewhere near Mongolia



3. The people from Khabarovsk and Vladivostok and the unforgettable Rybalka afternoon on the Ussuriy river with Igor climbing on the car roof while driving 90 km/h.



4.  Russian trains (apart from the toilets) are like a family ride, just very cozy (if you book a bit ahead and don't get the one seat where you are right next to the toilet aka illegal smoker's room and can't stretch out your legs because that would block the door). And you almost always meet some interesting people to share words and food with.

5. Funny imported German words in the Russian language: Russian boasts a sheer endless supply of unexpected German imports (Shtraf (Strafe, penalty), Reytuse (Reithose, riding pants), Schlagbaum (barrier, turnpike), Butyerbrod (Sandwich (Butterbrot)), Shveytsar (doorman (maybe the first doormen back then were Swiss ("Schweizer")?)), and many more. I need to write down a top 100 one day... :)

6. Meeting Melissa "Mo" O'Reilly, the American ice swimmer who crossed the Bering Strait in a bathing suit and now swam across the First Kurilskiy Strait (from Kamchatka to the first Kuril island). Her friend and also ice swimmer Cristian Vergara (Chile) was also there. :)

7. The rocks and beaches of Olkhon island (Baikal) where we had a beach barbecue.




8. My "rented grandma" Tamara, my AirBnB host in Irkutsk. She was amazing, not only giving me a clean and cozy bedroom to sleep, but also preparing tasty and healthy dishes with fruits and vegetables from her own Dacha and helping out with contacts and tips for touring Lake Baikal.

9. Hardly if any Western tourists, so you don't feel like in Australia, Chile, Southeast Asia or other common destinations for longer trips. There, you are often the object that is to be made money of, which makes any authentic contact to locals harder. In Russia, you are something unusual, and that sometimes draws curiosity and makes it so much easier to start conversations with people. Russia  (not: Moscow or St. Petersburg) is the perfect combination of "just enough comfort and similarity to Western Europe", "beautiful landscapes", and "no Western tourists". This is the positive side of people being afraid of Russia in the West and Russia requiring a not-so-easy-to-obtain visa - you can easily get it, but it takes time and money and bureaucracy and striptease (how much money is on your bank account etc...).

10. You can order a taxi and know what it will cost BEFOREHAND! 

Bonus: 11. Russian eye-less smilies)))! Much easier to type)).

Overall, it was a more than positive experience, so it kind of isn't fair to have 10-10. The Top 10 heavily outweigh the Flop 10, and I can recommend a Tour de Russie and would do it again anytime! 

Samstag, 5. September 2015

The Crimean Camgirl and the Annexation

This is the final one of my series of fates of some women in Russia, some positive, some sad. The last one is about Natalia. I don't know Natalia personally, I know her story only through another friend.

Natalia was born in Dnipropetrovsk (Ukraine). Some years ago, she moved to Crimea, the peninsula which last year was occupied by Russian military forces and finally annexed by Russia.
Tourists packing the tiny beach of Alupka (Crimea) in September of 2012
Natalia is in her mid-thirties, she has two children from two different men. The first man ran away very soon, with the second, she moved to Crimea. The Russian annexation divided the couple. Her husband didn't want to live in Russia, so he left Crimea and moved back to Dnipropetrovsk. She wanted to stay in Crimea, hoping for a better life in a supposedly more wealthy and stable Russia.

When Natalia was younger, she lived well, working online for over ten years as a "cam girl" for erotic internet chats (my friend called it "virtual sex").

She earned 2,000 dollars per month which was and is a very good salary, no matter if in Ukraine or Russia. She also bought herself a good car. One of her "clients" had borrowed her the money to buy this car, and she just chose to not give it back to him.

"On these chats, there are some lonely men who are just happy that a woman talks to them at all, so if you find the right guy, they just keep sending you money", said my friend.

Now, without a husband and living in a very small flat with her son, she can't work as a cam girl anymore, she does not want her son to know that.
The harbour of Sevastopol, where the Russian Black Sea fleet was stationed also during the years of Ukrainian regency
Since the annexation, prices keep rising in Crimea. One reason are the salaries for people who work for the government. They were raised to be on level with salaries in the rest of Russia. More money to spend => prices go up, natural inflation. Further reasons for the rising prices are the terrible devaluation of the Ruble which has made all imported goods very expensive, and the fact that Crimea cannot be supplied with goods anymore over its mainland connection because that connection is on Ukrainian (now foreign) territory.

Non-government workers who depend on what the economy gives them mostly didn't get a raise. Natalia's main job is in a kindergarten where she earns a mere 7,000 Rubles a month (not even 100 Euros), which is simply not enough to even rent a flat nor to feed the kids. She even has a credit to pay.

Since the former friends Ukraine and Russia are at war with each other (not officially) and Ukraine will most likely not recognize Crimea as a Russian territory anytime soon, Natalia cannot even think of trying to sue the husband who fled to Ukraine after the annexation. Working as a cleaning lady, she tries to get by, close to desperation. 

Mittwoch, 2. September 2015

"In meiner Geburtsurkunde steht ein Vater, den es gar nicht gibt"

Dieser Post handelt von einem Abend in einer dieser grauen, traurigen Kleinstädte Russlands, aus denen ähnlich wie in Ostdeutschland oder Polen immer mehr Leute fortziehen, weil ihnen die Perspektive fehlt. Meine Gastgeberin dort ist Kristina, die Freundin eines Freundes, den ich über eine Freundin eines Couchsurfers in einer ganz anderen Stadt kennengelernt habe. Um welche Stadt es geht, werde ich aus Privatsphäregründen nicht schreiben. Es ist auch egal. Ich verwende im Artikel auch Fotos aus verschiedenen Städten, die aber eine ähnliche Stimmung ausdrücken. Jedenfalls hat mir der indirekte Freund ihren Kontakt gegeben, als ich ihm erzählt habe, dass ich in diese Stadt fahren wollte, damit ich dort jemanden habe, bei dem ich übernachten kann.


Ich bin völlig gerädert nach einer Nacht in der Wohnung von Kristina und ihrer Mutter - sehr hell am Morgen, weil die Gardinen wegen des gerade seit mehreren Tagen laufenden Fensterwechsels rausgenommen worden. Es ist staubig und ungemütlich, weil alle Möbel zur Seite geschoben wurden. In der Wohnung fehlt sichtlich das Geld, die Schränke hängen schief ineinander, die Türen gehen entweder nicht richtig zu oder nur mit starkem Druck auf. Als ich ins Bad gehe und die Tür schließen will (ich schwöre, ich habe sie ganz normal zugezogen!), reiße ich den Türgriff ab und brauche 20 Minuten, um den wieder so anzubringen, dass ich die Tür öffnen und mich befreien kann.

Gestern waren wir auf Wunsch von Kristina noch recht lang unterwegs. "My guljali/мы гуляли" sagt man dann. Guljat' heißt offiziell "Spazieren gehen" - es ist aber viel mehr als das. Das Wort hört man ständig und es ist für mich ein russisches Kulturphänomen. Ständig heißt es: "Komm, gehen wir guljat'!" Oder "Was habt ihr gestern Abend gemacht?" - "My guljali." Das Wort ist perfekt unscharf und kann alles mögliche bedeuten, vom einfachen Spaziergang bis zum feucht-fröhlichen Abend mit Alkohol und Freunden. Letztlich heißt es wohl irgendwie so etwas wie "rausgehen und sich irgendwie amüsieren".

Meine typischen "Guljat'"-Erlebnisse in russischen und ukrainischen Kleinstädten verliefen immer ungefähr so wie in dieser Stadt: Man holt sich im Supermarkt oder Kiosk ein Bier und läuft oder fährt dann hierhin und dorthin, besucht den oder den, holt sich irgendwann noch ein Bier und salzige Kalmar-Schlangen oder anderes salziges Zeug und so weiter.

Wir gingen also zum Supermarkt. Am Eingang treffen wir zwei Freunde. Einer trägt eine lustige Sonnenbrille. Sie fragt ihn, was wohl unter der Sonnenbrille sei, und er zeigt uns sein blaues Auge. Eine Schlägerei, weshalb, habe ich nicht ganz verstanden. Kommentar eines anderen Bekannten aus Vladivostok: Das ist normal, es sei ja ein Junge. Auch meine Gastgeberin erwähnt, sie habe sich auch schon merhfach ein blaues Auge geholt.

Dann gehen wir rein und holen uns zwei Bier und Zigaretten (nicht für mich). Sie nimmt ein Bier der Marke "Bavaria" mit dem passenden Untertitel "Holland Beer" :)).




Da ich hin und wieder "spasibo" sage, wenn Leute mir aus dem Weg gehen oder mit den immer schlecht gelaunten Kassiererinnen kurze freundliche Smalltalk-Gespräche beginnen möchte, sagt sie mir: "Rede mit niemandem. Sag nichts - zu niemandem!" Ich würde sonst noch ausgeraubt, man könne fremden Leuten schließlich nicht trauen. Das wiederholt sie immer wieder: "Rede mit niemandem!"

Sie zeigt mir zuerst den wunderschönen Birkenwald am Stadtrand, später geht es wieder in die Stadt. Irgendwann holen wir uns dann ein zweites und ein drittes Bier, die berüchtigten Kalmar-Schlangen, dann rufen wir man irgendwelche Freunde an und fragen, wo die grad sind (= rumsitzen und rauchen oder andere Drogen nehmen), die sagen: Ja, kommt gerne auch vorbei, bringt aber mindestens noch ein paar Liter Bier mit. Dann kauft man halt noch mal Bier (in einer 2 1/2-Liter-Plastikflasche :)) und geht zu den Kumpels, die irgendwo draußen im Dunkeln auf irgendwelchen Gasrohren (in kalten Gegenden Russlands vielerorts überirdisch) hinter einem Lagerhaus oder ähnlichem sitzen. Die freuen sich über Besuch aus Fernwest und das Bier, man witzelt und trinkt noch ein wenig. So gegen 23 Uhr sagen sie vernünftigerweise, sie müssten jetzt nach Hause, weil sie morgen arbeiten müssten, und man bricht auf. Was positiv auffällt: Diese Jungs sammeln sogar alkoholisiert den Müll ein, so gut man den im Stockdunkeln mit der Handy-Taschenlampe halt noch finden kann.




Nach einem kurzen Besuch zu Hause bei der Mutter entscheidet meine Gastgeberin, dass sie doch noch mal rausgehen möchte. Sie will mir noch ihr altes Schulhaus zeigen. Es folgt ein Spaziergang über lehmige, huppelige Wege voller Schlaglöcher, streckenweise komplett ohne Beleuchtung (dank Smartphone-Taschenlampe knicke ich nirgends um).

Sie erzählt mir Geschichten über die Leute in den Häusern, an denen wir vorbeigehen: "Hier wohnte ein Bauer, der seine Frau umgebracht hat. Mein Opa, er war Polizeiwachtmeister, hat ihn in den Knast gesteckt."

"Da wohnen die Koreaner" (modernes, solide gebautes Haus mit hoher Mauer drum herum inmitten der ganzen improvisierten und zum Teil zerfallenden Bauten).

"Dort hat eine Schulfreundin gewohnt - die arbeitet jetzt als Striptease-Tänzerin in einer entfernten Stadt." Als ich am Vormittag mit dem ranzigen Bus durch die Pampa in die Stadt gefahren war, konnte ich vom Bus aus auf den Wänden einiger Dorfbushaltestellen in riesigen Graffiti-Buchstaben lesen: "trebujetsja djewuschki" ("Mädels gesucht") - darunter eine Telefonnummer. Djewuschka (Mädchen) kann natürlich auch was anderes heißen (evt. auch etwas ganz Simples wie "Kellnerin"), daher möchte ich lieber offen lassen, was das wirklich bedeutet.

Sie zeigt mir die früher besten Häuser, in einem habe ihre Oma gewohnt - wie fast überall riecht es übel im Treppenhaus. Da sie sieht, dass mich das interessiert, zeigt sie mir anschließend noch einige der aller-abgefucktesten Häuser von innen. Man kann hier einfach reingehen, es gibt hier kein "Domofon", das üblicherweise an den bleischweren russischen Stahltüren der Wohnblöcke hängt und einem nur Einlass erlaubt, wenn man einen speziellen Schlüssel hat oder ein Passwort kennt oder wenn natürlich jemand von innen aufmacht. Auch die Eingangstüren zu den Wohnungen sind wie in Polen meist schwere, mehrfach verriegelbare Stahltüren (wenn ich da an meine Wohnungstür aus Milchglas in Zürich denke...).






Sind schon die Berliner Treppenhäuser oft eine Herausforderung in puncto Geruch und Sauberkeit, so sind die meisten russischen Treppenhäuser, die ich gesehen habe, noch mal eine Stufe drüber. Gestank, Schimmel an den Wänden, Rost, Staub, Dreck, oft zerbeulte Briefkästen und so weiter. Die Wohnungen hingegen sind meistens sauber und angenehm eingerichtet. Solange man aber nicht in die Wohnungen hineinkommt, wirken fast alle Wohnblöcke für westliche Augen abstoßend ungepflegt - inklusive der ausgetretenen Trampelpfade mit ihren zerbrochenen Betonplatten und Schlaglöchern um die Blöcke herum. Schon in Polen hat mich dieses Missverhältnis aus Gemeinschaftsfläche (verrottet, verrostet, stinkt, eklig) und Privatfläche (sauber, gepflegt) immer verwundert, waren dies doch früher sozialistische Länder, wo gerade das Allgemeinwohl über das Wohl des Einzelnen gestellt wurde.

Zurück zur Führung durch die kleine Stadt, die seit den 80er Jahren ein Drittel seiner Einwohner verloren hat. Aus irgendeinem Grund vermutet meine Gastgeberin, dass ich ihr Drogen mitgebracht hätte - sie redet von allem möglichen, ich verstehe nur "Mushrooms". Ein Freund habe immer so gutes Zeug, aber er nenne nie seine Quellen. Das ärgere sie. Drogen sind nicht nur hier ein Problem. Vor drei Jahren auf dem Land kurz vor der ukrainischen Grenze empfand ich es ähnlich. Auch der Mann der Schwester eines Bekannten sitzt seit ein paar Monaten im Knast, weil er mit Drogen gehandelt haben soll. Eine weitere Bekannte hat sich sogar verschuldet, um ihrem Freund eine große Menge Geld zu leihen, bis herauskam, dass der Freund drogensüchtig war und keine Kopeke zurückzahlen konnte.





Als ich sie nach ihrem Vater frage, erzählt sie ihre Geschichte: Den echten Vater kenne sie nicht, er hat ihre Mutter geschwängert, dann ist die Mutter, nichtwissend, dass sie schwanger war, auf den Pazifik gefahren, um zu arbeiten. Und später bekam sie das Kind, der Vater war aber wer-weiß-wo und hat bestritten, dass er der Vater sei. Dank irgendeinem Schmiergeld wurde dann der Name eines fiktiven Vaters in die Geburtsurkunde eingetragen, der Name eines Mannes, den es gar nicht gibt. Ironischerweise hat man ihm auch noch den Nachnamen der Mutter gegeben, vielleicht, damit es so aussieht, als sei das Kind ehelich geboren worden.

Die Mutter fand später einen neuen Mann. Mit dem entstand dann vier Jahre später der Bruder. Bis zur Geburt des Bruders hatte die Mutter bei einem Fischereibetrieb gearbeitet, für den sie oft monatelang zur See fuhr. Tochter Kristina hatte derweil meistens bei der Oma gewohnt, in einem großzügig angelegten Wohnblock mit einem anscheinend wichtigen Opa. "Bis dahin war alles gut. Bei der Oma hat es mir gut gefallen", sagt meine Gastgeberin.

Doch die Mutter entschied dann, zu Hause mit dem Bruder zu bleiben und konnte nicht mehr arbeiten, sie kam wieder zur Mutter, und bald stellte sich heraus, dass der Stiefvater mit seinen Aggressionen nicht haushalten konnte. Er begann, die Mutter zu schlagen, bis Blut floss. Meine Gastgeberin erinnere sich noch gut an das Blut auf dem Teppich. Sie hätten bei der Polizei angerufen, der Opa hätte als Polizeihauptwachtmeister ja einschreiten können. "Er hätte meinen Stiefvater ins Gefängnis setzen sollen!" Man habe sich bei der Polizei alles angehört und sehr bedauert, passiert sei aber nichts. Irgendwann dann kam die Scheidung, seither lebt die Tochter mit Bruder bei der alleinerziehenden Mutter, bis der Bruder zuletzt Soldat wurde und auszog.

Meine Leihoma, die 62-Jährige Bungee-Springerin

Frauenschicksal Nr. 3 ist nun mal ein positives.

Generell möchte ich nicht, dass meine Reisenotizen allzu negativ klingen. Ich würde nicht vier Wochen in Russland verbringen, um mich dann nur darüber auszulassen, was dort schlecht funktioniert, wie schlecht es manchen geht und welches gehirngewaschene Geschichtsbild viele Leute hier haben (das westliche ist ebenfalls nicht die absolute Wahrheit, aber wenigstens glaubt da keiner, die Sowjetunion sei eigentlich ein großer Wohltäter für die undankbaren Nationen Mittel- und Osteuropas gewesen).

Mir gefällt es hier sehr gut, sonst wäre ich nicht hergekommen. Ich möchte aber das ganze Bild sehen, und da gibt es erstens in jedem Land tolle und weniger tolle Dinge, und zweitens finde ich es langweilig, den hundertsten Reisebericht mit schönen Landschaftsfotos vom Baikalsee zu schreiben. Bessere Landschaftsfotos als meine lassen sich so oder so einfach im Internet finden.

Damit zusammenhängt mein Empfinden, dass ich es unverantwortlich finde, wenn Leute einfach in den Urlaub fahren und sich dort dann abgesehen vom guten Essen und den schönen Landschaften überhaupt nicht für das Land, die Menschen und dessen Probleme vor Ort interessieren (Probleme, die sehr oft auch durch den Tourismus ausgelöst werden (siehe Thailand (Prostitution, Umweltverschmutzung), Bali (Wassernot, aber Touristen planschen in Pools) oder Barcelona (überteuerte Wohnungen für Einheimische und unerträglicher Lärm durch Party-Touristen)). Ja, Urlaub ist zur Erholung da, aber man kann sich trotzdem nicht einfach aus der Verantwortung stehlen, die man auch als Erholungstourist mitbringt.

Gut, also zu Tamara, meiner AirBnB-Gastgeberin in Irkutsk. Tamara ist Anfang 60. Ihr Mann hat wie so oft schon früh das Weite gesucht, die Kinder sind ausgewachsen und ausgezogen. Sie selbst lebt in einer ruhigen, bequemen, sauberen Wohnung nahe dem Bahnhof von Irkutsk. Durch eine Freundin aus England, die eine Weile in Irkutsk lebte, kam sie auf AirBnB. Die Anzeige, die Fotos und den Text hat ihr noch die englische Freundin eingerichtet, seither hat sie regelmäßig Gäste aus aller Welt, die sie für einen Spottpreis beherbergt. Da sie die Wohnung als Belohnung für ihre Arbeit im hohen, noch eisigeren Norden erhalten hat, zahlt sie keine Miete und müsse nicht mehr verlangen. Es mache ihr einfach Freude, die Gäste und ihre Geschichten kennenzulernen und ihnen zu helfen.


Tamara und ihr Bekannter, der mich mit seinem Laster an den Baikalsee brachte
Zwar spricht sie kein Englisch, dank ihrem topmodernen Smartphone (rührend die Geschichte, wie sie sich nach vielen Zweifeln entschied, sich auch mal was zu "gönnen", da sie wie viel russische Mütter vor allem gibt und fast nie nimmt) und der dortigen Google Translator App kann sie sich auch mit Nicht-russischsprechenden Gästen verständigen. Bei allem, was sie tut, lächelt sie und strahlt eine Herzlichkeit und Zufriedenheit mit dem Leben aus, wie man sie selten sieht.

Sie holt ihre Gäste persönlich vom Flughafen oder Bahnhof ab, das sogar zu später Stunde - bei mir war es Mitternacht (da mein Flug aber deutlich früher gelandet war als geplant (wahrscheinlich habe ich einfach den Zeitzonenwechsel zwischen Chabarowsk und Irkutsk nicht berücksichtigt), bin ich selber zu ihr gefahren).

Als Gast in ihrer blitzsauberen Wohnung bekommt man nicht nur Bett und Dusche, sondern auch so viele Mahlzeiten, wie man sich nur wünscht. Zum Frühstück am ersten Tag gab es zum Beispiel unter anderem fantastische Blinchiki (eine Art Omelette), am letzten Tag noch leckerere Galuschki (Mehlklöße mit Marmelade und Sahne), und ihren fantastischen grünen Tee macht sie nach einem alten Rezept. Stolz zeigt sie einem ihre Schweizer "Zepter"-Küchengeräte und - die italienische Espressomaschine. Aus ihrer Datscha bringt sie Tomaten, Gurken und anderes Gemüse in Massen mit und macht daraus köstliche Salate. Aus dem Sanddorn einen gesunden, süßen Saft, von dem sie mir zum Abschied zwei Flaschen mitgegeben hat.

Frühstücks-Rührei mit Schinken, Zucchini und anderen Gemüsen aus der Datscha
selbstgemachter Sanddornsaft
Pflaumen und Warenie (eine fast flüssige Art Marmelade)

Ich vergaß den Namen, aber ich nenne es mal Zucchini-Rösti mit Smietana (russische Art Sahne)

Simples, aber leckeres Mahl inklusive den unvergleichlichen russischen Gurken
Aber mit der Bekochung nicht genug - auch Tipps für den Baikalsee (der Grund, weshalb die meisten nach Irkutsk kommen) hat sie en masse - Wanderungen, Eisenbahnfahrten etc. Dank ihr bekam ich den Kontakt zu einem ihrer zahlreichen Freunde, der zur Fähre auf die Insel Olchon fuhr und von mir lediglich die Benzinkosten verlangte.

Tamara war vor nicht allzu langem sogar Bungee-Springen. Überrascht hat sie mich auch mit ihrer Geschichte vom Wildwasser-Rafting, wo sie mit ihrer Freundin zunächst in einem sicheren Schlauchboot für Touris saß und fast nicht nass wurde. Dann protestierte sie, sie wolle bitte genauso wie die Rafter dort mit dem Kopf unter Wasser und wild den Fluss hinunterfahren, sie hätte nicht dafür bezahlt, nur ein paar Tropfen abzubekommen. Der Tourleiter gab schließlich nach und ließ die beiden rüstigen Damen auf eine richtig wilde Tour umsatteln...

Sie habe die westeuropäischen Gäste am liebsten, nur zwei Deutsche seien mal etwas arg anspruchsvoll gewesen (wen wundert's?), hätten Beratung zu diesem und zu jenem verlangt und ihr sehr viel Aufwand verursacht. Trotzdem hätten sie sich hinterher sogar noch beschwert, man hätte sich doch mit der Auswahl des (kostenlosen!) Essens abstimmen können.

Mit den Chinesen und Koreanern kommt sie auch gut aus, aber da seien manchmal die kulturellen Unterschiede doch sehr groß. Sie wüssten manchmal nicht, dass man zum Duschen den Vorhang auf die Innenseite der Wanne ziehen müsse und machten so aus dem Bad ein Schwimmbad. Auch die Koreaner, die auf einmal morgens um 6 begannen, mit selbst mitgebrachtem Küchengerät einfach im Gästezimmer zu kochen, musste sie erst darüber aufklären, dass das nicht ganz so angemessen sei.

Das seien aber extreme Ausnahmen. Insgesamt sei sie glücklich, so viele interessante Gäste zu haben. Mit einem Schweizer Gast ist sie nun auch auf Odnoklassniki (Social Network) befreundet und chattet dort regelmäßig mit ihm. Da er auch in Zürich wohnt, soll ich ihm nun den Tee mitbringen, der ihm bei ihr immer so gut geschmeckt hat. :)

Freitag, 28. August 2015

Baikal on fire - Umweltkatastrophe neben Traumstrand

Noch einen Tag in Irkutsk, dann geht es weiter. Ich habe mich erkältet und leide so vor mich hin. Draußen regnet es in Strömen, ich habe keine Jacke mitgenommen. Bei meiner letzten größeren Russlandreise habe ich sie nicht einmal gebraucht, fast überall war es so heiß, dass man am liebsten wie die Russen oben ohne rumgelaufen wäre. Dieses Mal hätte mir so eine Jacke schon mehrfach geholfen. Ich überlege, heute in Irkutsk noch eine zu kaufen.
Der Regen ist gut, denn hier gibt es überall hier herbe Waldbrände von historischem Ausmaß. Das erste Mal in meinem Leben bin ich so nah dran an einer Umweltkatastrophe. Es gibt in Sibirien immer wieder mal kleinere oder größere "natürliche" Waldbrände. Dieses Jahr war aber trocken und heiß wie lang nicht, es hat seit Langem nicht geregnet. Die Waldbrände dieses Jahr sind zudem nicht "natürlich", sondern wurden von nachlässigen Menschen verursacht.


Quelle: Siberian Times (http://goo.gl/0t1Tti)
Die Feuer habe ich selbst nie gesehen, aber selbst hunderte Kilometer weiter hier in Irkutsk war die Luft bis zum heutigen Regen voller Rauch. Es roch überall so, als sei man gerade an einem Lagerfeuer, die Sicht war schlecht. Zunächst dachte ich, das sei Großstadt-Smog. Doch als ich dann die spontane Gelegenheit bekam, mit dem ziemlich nationalistischen Freund meiner Gastgeberin Richtung Baikalsee aufzubrechen und der "Smog" außerhalb der Stadt sogar schlimmer wurde, fragte ich ihn, warum denn die Sicht so schlecht sei. Der Fahrer des alten japanischen Kleinlasters, beladen mit Obst, Dachziegeln, anderen Baustoffen und meinem türkisen Koffer (:)) klärte mich auf, dass das von den Waldbränden käme, diese seien noch nie so krass gewesen wie in diesem Jahr.
Mein "Taxi" zur Fähre auf die Baikal-Insel Olchon 
Rauchige Luft von den Waldbränden verschleiert die Sicht auf die grüne Steppe und die zahlreichen frei herumlaufenden Kühe und Pferde.
Im Rauch versinkende Pferdeherde
Je näher wir dem Baikalsee kamen, desto rauchiger wurde die Luft, desto schlechter die Sicht. Hin und wieder mussten wir stark bremsen (die Geräusche und das durchs Bremsen verursachte extrem Ruckeln dieses alten Lasters sind eine gute Nervenprobe), weil eine(s) der in der grüngelben Steppe überall frei herumlaufenden Kühe oder Pferde plötzlich über die Straße laufen wollte. Die lassen es drauf ankommen... :)

Irgendwann kamen wir in die Gegend der Burjaten, einem Mongolenstamm, der einst von der Mongolei hierher übersiedelte und der mit knapp einer halben Million Menschen die größte Minderheit Sibiriens darstellt. Die Burjaten wohnen in Siedlungen in der Steppe aus kleinen Holzhäusern, meist ohne fließendes Wasser mit "Gartenklo" und einem Waschbecken, bei dem man über einen großen Löffel aus einem großen Bottich Wasser in einen Kasten über dem Wasserhahnen schöpft. Dreht man den Hahnen auf, läuft das Wasser aus dem Kasten ab, ähnlich dem Wasserkasten bei der Klospülung. Ist der Kasten leer, muss man von Hand nachschöpfen.

Damit die Burjaten (und die Touristen, die wie ich in burjatischen Ferienhäuschen übernachten) immer frisches Wasser haben, fährt regelmäßig ein rostiger Laster mit einem riesigen Wassertank von Haus zu Haus und "füllt nach". Ob die Gartenklos gut für das Wasser im Baikal sind, will ich mal bezweifeln.

Die Burjaten gelten als gute Ringer, züchten Vieh und Pferde und praktizieren zum Teil noch Schamanismus, was gerade auf der Baikal-Insel Olchon auch einige esoterisch angehauchte Touristen anzieht.
Zwei burjatische Frauen
Ein burjatisches Dorf
Ein Gartenklo

Burjatische Häuser

Ein besonders schönes Haus eines Burjaten
Ein "Freiluftwaschbecken" mit Schöpflöffel (rechts, grün) und Wasserkasten (orange, links) 

250 Kilometer entfernt von Irkutsk kamen wir dann nach Sarchjuta (evt. falsch geschrieben), dem letzten kleinen Ort auf dem Festland, von dem aus man per Fähre auf die Insel Olchon übersetzen kann.

"Stalin, Freund, Genosse" und die undankbaren Polen und Tschechen
Mein Fahrer Schenija hatte mich derweil in allen möglichen geschichtsrevisionistischen Varianten "aufgeklärt". Da er nicht nur mein Fahrer war, sondern auch noch ein sehr starker, 28 Jahre alter Extremsportler und da er mir auch von irgendwelchen Schlägereien erzählte hatte (und außerdem, weil ich glaube, dass es bei solchen Leuten eh nichts bringt), hielt ich mich mit Kommentaren zurück und nickte nur ab oder sagte gar nichts, während er mir erklärte, dass Stalin gut gewesen sei, dass die Amerikaner sich das mit den Gulags ausgedacht hätten, um Russland zu schaden, und dass die Sowjetunion in der Nachkriegszeit nur deshalb so eine schlimme Hungersnot erlebt hatte, weil sie - gutmütig wie Stalin nun mal war - alles, was sie hatten, Richtung Westen schickten, um ihre Freunde in der DDR, Polen, der Tschechoslowakei etc. zu ernähren. Daher sei deren undankbare Haltung heute gegenüber Russland ein Hohn, denn man habe diesen Völkern geradezu selbstlos geholfen.

Auch heute leide Russland vor allem darunter, dass die Amerikaner weiter direkt wirtschaftlich und indirekt militärisch Krieg gegen sie führten (ok, das kann man ja zumindest diskutieren). Das zwinge Russland dazu, so viel ins Militär zu investieren, um sich entsprechend schützen zu können. Dieses Geld sei dann nicht da für die Leute. Aber generell sei das Meiste gut heute in Russland, die 90er waren schlimm, aber die sind ja nun vorbei. Es sei alles viel stabiler und besser geworden (und wenn nicht, dann liegt das wahrscheinlich an den Amerikanern).

Die abstumpfenden Luxus-Frauen
Nur die Frauen, die würden sich nur noch für Luxus und schicke Klamotten interessieren, sie würden völlig abstumpfen und wüssten nichts von der Welt außer der neuesten Mode und wie man als Model posiert (auch das kann man in der Tat, diskutieren, denn wenn man durch die russischen sozialen Netzwerke klickt, haben fast alle Frauen irgendwelche "professionell" gemachten künstlichen model-artigen Fotos - ob deshalb diese Frauen aber gleichzeitig in anderen Bereichen des Lebens abstumpfen, weiß ich nicht).

Autoprolls aller Länder, vereinigt euch!
Gleichzeitig gebe es zu viele Männer, deren höchste Priorität es sei, ein möglichst schnelles Auto zu fahren und die dann dafür Unsummen ausgeben, während sie noch in einer Baracke lebten oder wenn die Familie das Geld viel mehr bräuchte. Und ja, die Zahl hiesiger Autoprolls (Männer mit oft getunten Autos, die an der Ampel schön laut Gas geben) kann sich in der Tat mit Zürich oder München und den dortigen Sportwagenprolls messen - nichts gegen einen Sportwagen, aber mir ist kaum etwas so zuwider wie die rücksichtslosen gehirnamputierten Idioten, die sich für kleine Rennfahrer halten und allen mitteilen wollen, wie toll sie sind, indem sie mit Vollgas an der Ampel durchstarten und so unnötig Benzin in die Luft blasen und alle Leute in der Umgebung aufschrecken. Sie rauben mir in Zürich den Schlaf, weshalb ich mir manchmal in einer sadistischen Phase einen Automat wünsche, der die Lautstärke der anfahrenden Autos misst und bei Überschreitung einer Schmerzgrenze automatisch Nägel aus der Straße in die Reifen schießen lässt...

Aber gut, zurück zum Baikalsee. Nachdem ich von allen Ansichten meines sportlichen, frisch geschiedenen Fahrers überzeugt war, kamen wir wie gesagt in dieser Turbasa (touristischen Basis) von Sarchiuta an, wo der Fahrer seine Ladung abliefern sollte. Wir bekamen ein riesiges, schweres Abendessen serviert und durften anschließend in einem kleinen Holzhaus mit zwei Betten übernachtet. Er fuhr am nächsten Tag zurück und brachte mich noch zur Fähre auf die Insel Olchon. Da der Rauch an diesem Tag noch stärker geworden war, sah man nicht mal mehr die Umrisse der vielleicht 1-2 Kilometer entfernten Insel vom anderen Ufer.
Die "Turbasa"
Fähreanlegestelle - wegen des Rauchs kann man nur ganz schwach im Hintergrund noch die Umrisse der Insel Olchon sehen.

Auf Olchon selbst erwartet einen erst mal: Sand, verbranntes Gras, Müll und ausgelaugte Kühe, die im Müll wühlen, weil das Gras verdorrt ist.
Auf der Insel angekommen, sollte ich eigentlich eine(n) Nikita anrufen, der mir eine Tour auf der Insel organisieren sollte. Der/die war aber immer besetzt. In der Zwischenzeit meldete sich eine Couchsurferin, die in Chuschyr, der einzigen größeren Siedlung auf Olchon als Touristenführerin arbeitet und anbot, mit ihren Freunden und ihr einen Inselspaziergang zu machen. Da sie Englisch und sogar Deutsch sprach (Auslandssemester in D), erschien mir das deutlich interessanter als die Standardtour zu buchen und ich machte mich auf Richtung Chuschyr. Da schon keine Busse mehr fuhren (es war gerade mal 10.30 Uhr, aber anscheinend muss man diese Busse früh buchen), wandte ich mich an eine Frau mittleren Alters in einem der Touristenzelte am müllübersäten (wohlgemerkt in einem Naturschutzgebiet!) Anlegepunkt der Fähre, wo die Kühe durch den Müll wühlten, weil das Gras längst vertrocknet ist. Sie empfahl mir, es per Trampen zu versuchen. Dort am Hügel stehe ein (uralter) Kleinbus der Elektrizitätswerke, man könne den Elektriker, der grad die Strommasten kontrolliert, ja einfach mal fragen, ob er einen mit nach Chuschyr nehmen würden.

Der nette, wortkarge Elektriker, der mich in seinem Bus mit auf seine Strommastinspektion (und nach Chuschyr) nahm
Gesagt, getan. Über Stock und Stein, auf und ab, und für einen Spottpreis wackelten wir in dem alten russischen Elektrikerbus ohne Rückspiegel und mit scheinbar unzerbrechlichen Achsen (Video) auf Feldwegen von Dorf zu Dorf und Strommast-Inspektion zu Strommast-Inspektion bis nach Chuschyr. Auf dem Weg dorthin sammelten wir noch eine dreiköpfige Familie und einen weiteren Elektriker auf.

In Chuschyr zeigten mir die Couchsurfing-Touristenführer den berühmten Skala Schamanka (Schamanenfelsen), einen selbst im Rauch wunderschönen Felsen mit einem erstaunlich runden kleinen Strand nebendran.
Der Schamanenfelsen, das Wahrzeichen Olchons und heilige Stätte für die Schamanisten auf der Insel

Die "Schtolpy" - jeder einzelne bedeutet etwas anderes (Geld, Liebe und was man sich sonst noch so wünscht)
Auch hier glaubt man, dass man sich einen Wunsch erfüllen kann, indem man Geld liegen lässt. In diesem Fall lässt man auf dem Felsen vor der Schtolpy zu dem Thema, das einem am Herzen liegt (Geld, Liebe etc.), eine Münze liegen und wünscht sich dabei etwas.

Auch in Nähe des Heiligtums laufen überall Kühe frei herum

Die Felsen haben zum Teil schöne feurige Rottöne
Danach wanderten wir einen neun Kilometer langen, traumhaften Sandstrand mit mehreren kleinen mobilen Banjas (russische Sauna) entlang bis zum nächsten Dorf. Beeindruckend ist, dass alles aussieht, als sei man an einem Meer (auch kein Wunder bei einem 673 Kilometer langen und bis zu 82 Kilometer breiten See), doch das Wasser ist Süßwasser und war bis vor kurzem sogar noch trinkbar. Da zu viele Phosphate von Menschenabfällen und Abwässern in den Baikalsee geleitet werden, wachsen angeblich irgendwelche Wasserpflanzen, die das Wasser vergiften. Daher solle man kein Wasser vom Hahnen trinken, meinte die Gastgeberin der Turbasa.

In jedem Fall ist es gut genug, sich den Sand von den Füßen und Händen zu waschen, ohne dass danach alles salzig wird. Das hat mich jedes Mal wieder überrascht. Auch die kleinen, flachen Steine sind an einem normalen Sandstrand eher unüblich, hier gibt es sie zuhauf und man kann wunderbar Steine springen lassen. Traurig ist, dass überall mal mehr, mal weniger Müll rumliegt - generell ist der allgegenwärtige Müll für mich persönlich neben den verqueren politischen und historischen Ansichten mancher Leute das Schmerzhafteste in Russland.

Da die Sonne fast vollständig vom Rauch verdeckt wurde, war es entsprechend kalt - zu kalt für mich zum Baden, es badeten aber durchaus einige der wenigen Touristen (es war die letzte Woche der russischen Sommersaison und der Rauch hat bestimmt viele Spontan-Urlauber verschreckt).

Mir ist's zum Baden eindeutig zu kalt (sowohl Wasser als auch Außentemperatur)...

...aber mit mobiler Minisauna lässt sich das kalte Wasser sicher besser ertragen.

Mobile Sauna von Nahem

Eingang zur mobilen Sauna

Irgendein unrasierter Penner

Leute campen wild in der Natur in Strandnähe
Trotz Naturschutzgebiet: Der Müll liegt überall herum, und selbst an den Orten, wo er sein sollte, wird er zu selten abgeholt. Das führt dazu, dass Kühe ihn durchwühlen und verteilen oder der Wind ihn wegbläst. 
Der Traumstrand - durch den Rauch in der Luft sieht er aus, als hätte ich mit irgendeinem kitschigen Instagram-Filter fotografiert.
So sieht die Sonne aus, wenn Rauch sie verschleiert.
Über eine sandige Straße gingen wir anschließend zurück nach Chuschir, dort aßen wir etwas. Ich probierte neben meinem Lieblingsreisgericht "Plov" (ein simpler, aber leckerer usbekischer Curry-Reis mit kleinen Gemüse- und Fleischstücken) auch "Posy", eine Art burjatische Maultaschen, in die man zunächst ein Loch macht, um den dann auslaufenden Saft zu schlürfen.

Posy

Anschließend gingen wir mit Alkohol, Würstchen und Grillzeug ausgerüstet an den Strand, um dort zu grillen und den Geburtstag einer der Führerinnen zu feiern, eine bald 25-Jährige, ausgeflippte und zu emotionalen Ausbrüchen tendierende Dame, die die ganze Zeit bedauerte, dass sie nicht mit ihrem Freund feiern könne, der ihr ja letztes Jahr in Hanoi einen so schönen Geburtstag bereitet hätte. Jewgenij, einer der Gruppe, machte komplett eigenhändig das Feuer und grillte die Würstchen. Anschließend fuhr er immer mal wieder eines der Mädchen auf seinem "Quad" (no comment) spazieren. Es wurde sehr laut und sehr unterhaltsam. Und sehr kalt. Irgendwann gegen 2:30 Uhr hielten wir es dann nicht mehr aus und gingen zurück nach Chuschyr in unsere Unterkünfte. Ich hatte mir dort spontan noch nachmittags ein Zimmer in einem B&B gemietet.

Am nächsten Tag trafen wir uns noch mal mit den Touristenführern zum verkaterten Mittagessen, anschließend versuchte ich, die Insel wieder Richtung Turbasa zu verlassen. Ich hatte eigentlich nicht geplant, über Nacht auf der Insel zu bleiben und entsprechend keine Kleidung oder genug Geld für mehrere Tage mitgenommen. Auf der Insel konnte ich zudem keinen funktionierenden Geldautomaten finden, mein Bargeld ging zur Neige, und auf meiner SIM-Karte waren nur noch etwa 50 Rubel.

Leider waren schon alle Busse zur Fähre für heute ausgebucht - was ich erstaunlich fand, da es sich doch um ein beliebtes Touristenziel handelt. Mir blieb also auch nichts anderes übrig, als mich wieder an die Straße zu stellen und zu trampen. Irgendwann erbarmte sich ein faltiger, vom harten Arbeiten und Kettenrauchen gezeichneter Vater mit seinem strohblonden, engelsgleichen Sohn auf dem Rücksitz eines ebenso alten Kleinbusses wie am Vortag derjenige der Elektriker. Der Vater raste kamikazemäßig über die holprige Straße, der man nur noch an wenigen Stellen ansehen konnte, dass es einmal eine Asphaltstraße gewesen war. Auf dem Weg sammelte er noch 3 weitere Leute auf, denen es ähnlich ergangen war wie mir mit dem Bus. Die ganze Zeit rauchte er, im Auto roch es sehr stark nach Benzin.

Nachdem wir an der Fähre angekommen waren, setzte ich aufs andere Ufer über und rief dort die Turbasa noch mal an. Weronika, die unglaublich nette "Administrator"(in), meinte, es gäbe noch einen Bus heute von dort nach Irkutsk (wohin ich zurückwollte) um 19 Uhr, und dort seien noch Plätze frei. Ich solle in das Geschäft "Baikal" in der So-und-so-Straße gehen und dort fragen und auf sie verweisen. Dort hieß es dann aber, es gäbe doch kein Ticket mehr. Ich hatte also die Wahl zwischen noch mal Autostopp bis nach Irkutsk (250 km) oder noch eine Nacht in der Turbasa und dann ein Bus um 13.00 am nächsten Tag. Zu dem Zeitpunkt war ich schon sehr müde und entschied , dann halt noch eine Nacht "im Rauch", aber dafür in der Stille des hier felsigen Seeufers zu verbringen.

In der Turbasa lernte ich dann schnell Maksim, Natalia und ein paar andere Leute kennen, die hier einen Reiturlaub (z.T. mit Kind) verbrachten. Sie luden mich ein, mit ihnen am Abend "Sagadka" zu spielen, eine Art "Black Stories", wo eine Person eine Szene beschreibt, und die anderen dann mit Ja/Nein-Fragen herausfinden müssen, was passiert ist (z.B. "In einem Flughafenhangar hat sich ein Lilliputaner erhängt. Wie ist das passiert?" (Lösung: Er hat Schnee zusammengeschaufelt, ist dann auf einen Schneeberg geklettert, von wo aus er sich eine Schlinge um den Hals band und diese an einem Rohr über ihm befestigte. Dann wartete er, bis der Schnee geschmolzen war.) Eine wirklich gute Russisch-Übung... :)  Polina, die mit ihrem Sohn und Mann in London lebt, und Maksim, der bei Google in Moskau arbeitet, halfen mir netterweise hin und wieder mit Englisch aus. Lidija, eine Moskauerin, die mehrfach in Deutschland gewesen war, sogar ab und zu mit Deutsch.

Am nächsten Tag kam dann tatsächlich der Kleinbus, der uns vier Stunden lang nach Irkutsk wackelte. Der Busfahrer beschwerte sich lautstark darüber, dass Leute so große Koffer hätten, er sei schließlich nur ein Bus und kein Lastwagen - als sei es nicht klar, dass man einige Koffer wird transportieren müssen, wenn man Leute von einem Tourismusziel abholt... Im Bus saßen auch die in England lebende Polina und ihr Sohn. Als ich ihr sagte, wie verwundert ich immer sei, dass diese zum Teil uralten Autos hier diese schlaglochübersäten Straßen aushalten, meinte sie: "Russland ist so groß, da ist es unmöglich, überall gute Straßen zu gewährleisten. Statt in die Straßen wird daher in die Stabilität der Autos investiert. Die Evolution verläuft halt überall anders." :)